Als NAX-Pate aktiv in Rotterdam

Interview mit Dipl.-Ing. Oliver Thill vom Atelier Kempe Thill in Rotterdam

Her Kempe und Herr Thill, Atelier Kempe Thill
Atelier Kempe Thill

NAXNAX Netzwerk Architekturexport: Sie und André Kempe hat es nach dem Studium und mit dem EUROPAN 5 – Gewinn Ihres Entwurfes für 300 Wohneinheiten in Rotterdam ins Ausland gezogen. Seit dem Jahr 2000 leben und arbeiten Sie dort sehr erfolgreich und realisieren Projekte in Europa und der Region Benelux. Was war die Initialzündung, um diesen Schritt mit seinen Chancen und Herausforderungen zu wagen?

Thill: Wir sind bereits 1996 in die Niederlande gezogen, da Holland zu diesem Zeitpunkt eines der wenigen europäischen Länder war, wo noch mit großer geschichtlicher Kontinuität am Projekt der Moderne gearbeitet wurde.

Dieser Kontext schien uns ideal, um als „progressive“ Architekten zu arbeiten und zu experimentieren. Zudem herrschte zu diesem Zeitpunkt ein sehr günstiges ökonomisches Klima, was den Boom der gesamten Superdutch-Generation überhaupt erst möglich gemacht hat.

Wir haben zunächst für ein paar Jahre in Amsterdam und Rotterdam gearbeitet und in der behüteten Atmosphäre größerer Büros unsere ersten Erfahrungen gesammelt und Kontakte aufgebaut. Mit dem Gewinn von EUROPAN 5 haben wir uns dann entschlossen ein eigenes Büro zu gründen.

Parlament Eupen
Atelier Kempe Thill

NAX: Wie werden Sie als deutsche Architekten in den Niederlanden bzw. in Belgien wahrgenommen? Gibt es eine bestimmte Erwartungshaltung an Sie? Wie begegnen Sie dieser?

Thill: Die Sicht auf deutsche Architekten ist international sehr ambivalent. Einerseits formten sie vor dem zweiten Weltkrieg 50% der Europäischen Avantgarde, anderseits spielen deutsche Architekten heute in der internationalen Debatte keine Rolle. Daher gibt es eigentlich nur ein sehr diffuses Bild von deutscher Architektur.

Am ehesten wird man daher mit den deutschen „Kerneigenschaften“ in Verbindung gebracht, d.h. Ordentlichkeit, Pünktlichkeit und Präzession, aber auch verbissene Ernsthaftigkeit, eine gewisse Ängstlichkeit und Humorlosigkeit. Wir versuchen bewusst mit diesen Klischees zu spielen und sie je nachdem strategisch zu bestätigen oder zu demontieren, um sie konstruktiv und subversiv bei der Entwicklung unserer Projekte einzusetzen.

NAX: Andere Länder, andere Sitten! Jeder Standort und jede Bauaufgabe in anderen Ländern erfordert genaue Kenntnis der lokalen Kultur und Gesellschaft, der Gesetze, Prozesse und Verwaltungsstrukturen – wie gehen Sie vor, um diesen zu genügen?

Thill: Wir engagieren uns im Augenblick sehr systematisch nur in einigen wenigen europäischen Ländern. Im Augenblick sind das die niederländisch -, deutsch -, und französischsprachigen Regionen Europas. Wir arbeiten hierbei einerseits innerhalb unseres Büros immer mit einem sehr internationalen Team, und verfügen somit selbst über viel lokales Know-how. Anderseits entstehen viele Projekte durch strategische Partnerschaften mit Büros direkt vor Ort. Hierdurch kombinieren wir die internationale Expertise von Atelier Kempe Thill mit der genauen Kenntnis der lokalen Situation des Partnerbüros. Dieses Angebot ist für potenzielle Bauherren meist ziemlich attraktiv.

Rathaus Borsele, Niederlande
Atelier Kempe Thill

NAX: Können Sie uns etwas über die Baurealität in den Niederlanden / in Belgien sagen? Gibt es Unterschiede in der Zusammenarbeit von Architekt, Bauherr / Behörden oder bei den Planungs- und Prozessabläufe?

Thill: In Deutschland sind generell die Grundbedingungen sehr kompliziert, da es zu viele Normen und Gesetze gibt, die das Bauen sehr teuer machen und den architektonischen Spielraum sehr einengen. Anderseits findet bei öffentlichen Bauaufgaben zu viel „controlling“ statt, wodurch neue und experimentelle Ansätze meist schon im Ansatz zerredet werden.

In der Regel gewinnt der Entwurf, der niemanden in den großen Jurys mit zu vielen Politikern wehtut. D.h. Wettbewerbe werden in Deutschland auch organisiert, um Risikos zu reduzieren, statt gestalterische und soziale Potentiale für die Architektur wirklich zu erschließen.
In Belgien und den Niederlanden ist das Umfeld inspirierter und spielerischer, da die Komitees kleiner und die Kontakte eher persönlich sind. Auch ist die Gesetzgebung oft etwas flexibler, und es herrscht mehr Vertrauen untereinander. Der Architekt ist nicht nur technischer Dienstleister, sondern wird gleichzeitig auch als Baumeister mit einer gewissen künstlerischen Autonomie und sozialen Vision wahrgenommen. D.h. Überraschung und Inspiration sind ausdrücklich gewünscht und werden in die Verfahren bewusst integriert, um verkrustete Denkmuster aufzubrechen und Innovation zu ermöglichen.

NAX: Wie bekommen Sie Ihre Aufträge im Ausland? Wettbewerbe?

Thill: Wir bekommen zurzeit ca. 90 Prozent unserer Aufträge über Wettbewerbe. In der Regel nehmen wir vor allem an eingeladenen Verfahren mit im Schnitt fünf Büros teil für die wir uns bewerben. Die Verfahren sind nicht immer anonym, meistens bezahlt und ermöglichen direkte Kommunikation mit den Bauherren während der Wettbewerbsphase. Ab und an erhalten wir auch Direktaufträge. Hier geht es meistens um kleinere kollektive Wohnungsbauprojekte oder städtebauliche Studienaufträge.

Wohnungsbau DenHaag, Niederlande
Atelier Kempe Thill

NAX: Bietet die Region Benelux jungen deutschen Architekten Chancen, oder empfehlen Sie andere Märkte? Welche?

Thill:Generell ist auch die Konkurrenz in der Region Benelux sehr groß und der Marktzugang für junge Büros sehr schwierig. Auch ist es auf diesen Märkten ohne Vorkenntnis nahezu unmöglich, Aufträge zu akquirieren. In den meisten Ländern, in denen wir Potential erkennen, arbeiten wir bereits. Interessieren tun uns zurzeit vor allem Norwegen und Schweden.

NAX: Was raten Sie jungen Kolleginnen und Kollegen, die sich im Ausland etablieren möchten?

Thill: Wenn man sich die Architekturgeschichte anschaut, begreift man schnell, dass erfolgreiche Architekten sehr oft den Märkten gefolgt sind, da Architektur als Luxusprodukt nur innerhalb einer gut funktionierenden Ökonomie überhaupt möglich ist. Wir plädieren daher für das bewusste Anstreben einer internationalen Arbeitsweise, da diese ökonomisch langfristig mehr Sicherheit bietet, da man sich von lokalen Schwankungen der Ökonomie etwas loskoppeln kann. Zudem erweitert Arbeiten im Ausland enorm das Bewusstsein und die Perspektive auf die Architektur.

Da wir auch innerhalb des akademischen Cirquit sehr aktiv sind, ergeben sich Auslandskontakte bei uns auch oft über Vorträge und internationale Workshops. Durch Lehrtätigkeiten im Rahmen von Gastprofessuren an verschieden Universitäten bauen wir systematisch Kontakte auf und erkunden gleichzeitig lokale Märkte.

NAX: Vielen herzlichen Dank, lieber Herr Thill, für diesen interessanten Erfahrungsbericht. Ihnen und Ihrem Büro weiterhin spannende Projekte und viel Erfolg!

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