Chris Bosse, Mitgründer von LAVA, zählt zu den prägenden Stimmen einer global vernetzten, experimentellen Architektur. Im Gespräch mit NAXNAX Netzwerk Architekturexport reflektiert er über seinen Weg von Deutschland nach Australien, die Rolle Sydneys als internationaler Knotenpunkt und die Einflüsse, die den transkulturellen und technologiebasierten Ansatz von LAVA formen.

Chris Bosse leitet die Asien-Pazifik-Studios von LAVA in Sydney, Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt.
Computergestützte Untersuchungen natürlicher Strukturen und deren räumlicher Konzepte inspirieren seinen Designansatz, der eine organische Qualität hervorbringt. Als Architekt, der intensiv an handwerklichen Entwurfsprozessen mit Freiformgeometrien arbeitet – von kleinformatigen Prototypen bis hin zu weitreichenden urbanen Visionen – erweitert er die Grenzen konventioneller Komposition und erkundet neue Horizonte digitaler und experimenteller Formfindung.
Bosses Perspektive auf die Zukunft der Architektur betont Kreativität an der Schnittstelle zwischen physischen und digitalen Welten, während er das symbiotische Verhältnis von Natur und Technologie immer wieder neu interpretiert. Er hält weltweit Vorträge und ist Adjunct Professor an der University of Technology in Sydney.
Während seiner Zeit als Associate Architect bei PTW in Sydney spielte er eine entscheidende Rolle beim Entwurf des Water Cube für die Olympischen Spiele in Peking. Bosse studierte Architektur an der FH Köln und der Universität Stuttgart sowie an der EPFL Lausanne und der Accademia Mendrisio in der Schweiz.
NAX: Sie begannen Ihre berufliche Laufbahn in Deutschland, bevor Sie nach Australien gingen. Wie erlebten Sie den Eintritt in die australische Planungs- und Baupraxis als deutscher Architekt? Welche kulturellen, regulatorischen oder strukturellen Unterschiede traten für Sie besonders hervor – und wie haben diese Ihre Arbeit im Land beeinflusst?
Bosse: Australien ist von Deutschland aus betrachtet wahrscheinlich der entfernteste Ort, den man wählen kann. Und genau diese Distanz war für mich entscheidend. Sie erlaubt einen Perspektivwechsel. Man verlässt das gewohnte Koordinatensystem – geografisch und kulturell – und beginnt, die eigene Herkunft klarer zu erkennen. Das ist jetzt 23 jahre her .
Ich kam mit einer sehr deutschen Ausbildung: präzise, strukturiert, technisch durchdacht. Vielleicht entspricht das auch dem Klischee – koordiniert, zuverlässig, wie ein Mercedes-Motor. In Australien wurde mir diese kulturelle Prägung erst richtig bewusst. Gleichzeitig traf ich auf eine sehr offene, pragmatische Planungskultur. Entscheidungen werden direkter getroffen, Hierarchien sind flacher, und man bekommt früh Verantwortung. Regulatorisch ist Australien klar strukturiert, aber weniger formalistisch als Deutschland. Es gibt Raum für Innovation. Und das Klima verändert die Architektur fundamental: Hitze, intensives Licht, Trockenheit. Architektur muss performativ sein. Diese Bedingungen haben mein Denken stark beeinflusst – Effizienz, Leichtigkeit, „more with less“ sind hier keine ästhetische Spielerei, sondern Notwendigkeit.
„Australien war der entfernteste Ort – und genau deshalb der richtige.“
Chris Bosse
NAX: LAVA ist heute grenzüberschreitend tätig – und Sydney spielt dabei eine zentrale Rolle. Was hat Australien für Sie zu einem geeigneten Ort gemacht, um dort eine Dependance von LAVA zu gründen und das Büro strategisch weiterzuentwickeln? Welche Impulse aus dem australischen Kontext beeinflussen bis heute die Arbeitsweise, Forschungsschwerpunkte und Entwurfskultur des Büros?
Bosse: LAVA habe ich gemeinsam mit Tobias Wallisser und Alexander Rieck gegründet. Von Anfang an war es als internationales Netzwerk gedacht, nicht als klassisches Büro mit einem Zentrum.
Australien war strategisch ideal. Von hier aus entsteht eine neue Nähe – zum Fernen Osten, zum Nahen Osten, zu Südostasien. Über diese Position ergaben sich Projekte wie das Water Cube, National Aquatics Center in Peking, Großprojekte im Nahen Osten wie das Al Bayt Stadium, oder urbane Wohnmodelle wie City Garden in Vietnam.
Australien ist multikulturell, sprachlich vielfältig, geprägt von Migration. Diese Diversität spiegelt sich im Büro wider. Jede Person bringt eine andere Perspektive mit. Internationale Teams eröffnen neue Horizonte. Architektur entsteht im Dialog.
Gleichzeitig prägen Landschaft und indigene Kultur das Denken hier stark. Land wird als lebendiges Narrativ verstanden. Place-Making bedeutet nicht nur Formgebung, sondern Erzählung. Diese Haltung hat LAVA nachhaltig beeinflusst.
„Migration und Vielfalt prägen die Art, wie wir hier entwerfen.“
Chris Bosse
NAX: Sie bewegen sich seit vielen Jahren zwischen europäischen, asiatischen und australischen Architekturkulturen. Welche Chancen – und welche Hürden – sehen Sie aktuell für international ausgebildete Architektinnen und Architekten, die in Australien Karriere machen möchten? In welchen Bereichen zeigt sich die Branche besonders aufgeschlossen, und wo ist sie komplexer, als man von außen vielleicht erwarten würde?
Bosse: Australien ist sehr offen für internationale Expertise, insbesondere im Bereich digitales Entwerfen, Nachhaltigkeit und Hightech-Konstruktionen.
Die mangelnde Erfahrung in australischen Projekten wird durch internationale Herangehensweisen und Erfahrenheit ausgeglichen .
Die Hürden liegen eher im formalen Bereich – Zulassungen, Regularien, lokale Normen. Man muss bereit sein, sich intensiv einzuarbeiten.
Aber wer interkulturell denkt und flexibel agiert, findet hier große Chancen. Die Branche ist international vernetzt. Projekte überschreiten Kontinente. Diese Mobilität ist Teil der DNA des Berufs geworden.
„Interkulturelles Denken ist heute keine Kür – es ist Grundvoraussetzung.“
Chris Bosse
NAX: LAVA hat in Australien eine breite Palette von Projekten realisiert – von experimentellen Installationen wie Green Void und Out of Hand: Materializing the Digital bis hin zu kulturellen und gemeinwohlorientierten Projekten wie dem preisgekrönten Dream Lab für die Sydney Story Factory. Inwiefern haben der australische Kontext – seine Innovationskultur, seine öffentliche Auseinandersetzung mit Design und seine kollaborative Baukultur – diese Projekte beeinflusst und die architektonische Identität von LAVA geprägt? Gibt es darüber hinaus ein weiteres Leuchtturmprojekt, das Sie im besonderen australischen Kontext realisiert haben und über das Sie berichten möchten?
Bosse: Unsere frühen Projekte waren Kunst Projekte und Laboratorien. Mit Green Void im Customs House Sydney haben wir eine extrem leichte, zugbeanspruchte Struktur realisiert – maximale Raumwirkung mit minimalem Materialeinsatz.
Die Ausstellung Out of Hand: Materializing the Digital zeigte, wie digitale Entwurfsdaten physische Realität werden können.
Für die Sherman Foundation entstand eine Bibliothek als konzentrierter Ort des Wissens in einem interaktiven spielerischen Kunstobjekt .
Und die Martian Embassy für die Sydney Story Factory war ein besonderes Projekt. Dort ging es nicht um Ikonografie, sondern um soziale Wirkung – einen Raum für benachteiligte Kinder zu schaffen, der Fantasie und Storytelling ermöglicht. Gewinner des Premier Prize, eine höchstmögliche Auszeichnung .
Diese Projekte spiegeln die Offenheit Australiens für experimentelle Architektur und gesellschaftliche Verantwortung wider.
Ein weiteres „Leuchtturmprojekt“ ist vielleicht weniger ein einzelnes Gebäude als vielmehr die kontinuierliche Verbindung von Praxis und Lehre. An der University of Technology Sydney unterrichtete ich viele Jahre. Lehre ist für mich ein Instrument des Lernens. Studierende hinterfragen Annahmen, entwickeln neue Denkansätze. Dieses Wechselspiel beeinflusst die Entwurfskultur von LAVA nachhaltig.
„Minimaler Materialeinsatz, maximale Wirkung – das ist unser australisches Labor.“
Chris Bosse
NAX: Australien rückt zunehmend in den architektonischen Austausch mit Südostasien – geografisch, wirtschaftlich und kulturell. Wie gut aufgestellt sind australische Architekturbüros Ihrer Einschätzung nach, um in der AsienPazifikRegion weiter Fuß zu fassen? Und welche Fähigkeiten, Denkweisen oder Netzwerke sind aus Ihrer Sicht entscheidend, um erfolgreich in diesem dynamischen und heterogenen Raum tätig zu sein?
Bosse: Australien ist hervorragend positioniert. Es verbindet westliche Planungslogik mit unmittelbarer Nähe zu Asien.
Zugänge zu Märkten wie China, Vietnam, Japan oder Indien erscheinen aus Deutschland oft ungreifbar, werden aber in Australien ganz normal. Das internationale Team spiegelt das wider.
Entscheidend sind interkulturelle Kompetenz, digitale Expertise und starke Netzwerke. Gemeinsam mit Tobias Wallisser und Alexander Rieck haben wir über Jahre ein internationales Expertennetzwerk aufgebaut – Ingenieure, Designer, Materialforscher, Strategen. Diese Struktur erlaubt es, Projekte über Kontinente hinweg zu realisieren.
Heute kulminieren viele dieser Erfahrungen in Großprojekten wie der Expo 2030 Riyadh. Dort kommen Natur-inspirierte Systeme, digitale Masterplanung, internationale Kooperation und kulturelle Narrative zusammen.
Australien war für mich der entfernteste Ort von Deutschland – und zugleich der Ort, der neue Nähe geschaffen hat. Zu anderen Kulturen. Zu anderen Landschaften. Und zu einem erweiterten Verständnis von Architektur als globalem Dialog.
NAX dankt Chris Bosse herzlich für seine Zeit und dafür, dass er seine Einblicke, Perspektiven und Erfahrungen in diesem Interview mit uns geteilt hat.