
Xaver Egger, sehwHelin Bereket
Das Büro Sehw wurde 1996 gegründet. Es ist heute eine eingetragene Marke mit derzeit etwa 50 Mitarbeitern an mehreren Standorten. Neben der originären Architektentätigkeit ist Sehw in den Bereichen Generalplanung, Projektentwicklung und in der markenstrategischen Beratung tätig. Schwerpunkte sind Gebäude öffentlicher Nutzung, meist als Ergebnis vorgeschalteter Architektenwettbewerbe, und Gebäude für die Immobilienwirtschaft sowie eigene Projektinitiierungen.
In seiner Quartalskolumne Auf ein Wort mit Prof. Xaver Egger setzt sich der Gründer von Sehw mit verschiedenen aktuellen Themen auseinander. In der letzten Kolumne ging es um Transformation als grundlegende Einstellung. Hierzu hatte das NAXNAX Netzwerk Architekturexport weitere Fragen.
NAX: In welcher Relation stehen deiner Meinung nach die Begriffe Transformation, Revitalisierung und Umnutzung zueinander? Was verbindet, was unterscheidet sie? Welche weiteren Begriffe sollten bzw. müssen hier mitgedacht werden?
Xaver Egger: Für mich ist Transformation der Oberbegriff. Er beschreibt die bewusste Weiterentwicklung von Gebäuden und Orten. Die Verwandlung von Dingen in etwas Neues. Umnutzung bedeutet dabei vor allem die Veränderung einer Funktion, Revitalisierung die Wiederbelebung eines Gebäudes oder Areals. Gemeinsam ist bei allen drei Begriffen die Frage: Wie können wir mit dem Vorhandenen verantwortungsvoll in die Zukunft gehen?
Mitdenken müssen wir dabei unbedingt Begriffe wie Weiterbauen, Kreislaufwirtschaft, Ressourcenverantwortung, Identität und Baukultur. Am Ende geht es nicht nur um Gebäude, sondern um den wertschätzenden Umgang mit dem, was bereits existiert.
„Gemeinsam ist den Begriffen Transformation, Umnutzung und Revitalisierung die Frage: Wie können wir mit dem Vorhandenen verantwortungsvoll in die Zukunft gehen?“
Xaver Egger
NAX: Du schreibst in deiner Kolumne: „Transformation beginnt dort, wo wir das Vorgefundene nicht als Einschränkung lesen, sondern als Angebot – und als Verpflichtung zugleich.“ Welches Angebot, welche Verpflichtung?
Xaver Egger: Das Angebot besteht darin, dass jedes Bestandsgebäude bereits eine Geschichte, eine Struktur und einen materiellen Wert mitbringt. Es gibt uns etwas vor, auf das wir reagieren können. Und oft entstehen gerade daraus die spannendsten Lösungen, aus dem vorhandenen Kontext.
Die Verpflichtung besteht darin, diese vorhandenen Ressourcen nicht leichtfertig zu verbrauchen. Wer heute baut, entscheidet immer auch über Energie, Material und kulturelles Erbe. Transformation ist deshalb nicht nur eine gestalterische, sondern vor allem eine gesellschaftliche Verantwortung.
„Jedes Bestandsgebäude gibt uns etwas vor, auf das wir reagieren können.“
Xaver Egger
NAX: Revitalisierung und Umnutzung spielen heute eine zentrale Rolle in der Architekturdebatte. Was hat dich persönlich früh dazu bewegt, dich intensiv mit dem Bestand auseinanderzusetzen? Was fasziniert dich an der Arbeit mit bestehenden Gebäuden – auch im Vergleich zum klassischen Neubau?
Xaver Egger: Eigentlich war das kein theoretischer Entschluss, sondern unsere Realität. Die ersten Projekte von sehw waren Bestandsgebäude, ein Institutsgebäude der Humboldt-Universität in Berlin, die Bibliothek der Staatskanzlei in Potsdam. Wir haben gelernt, Architektur nicht auf der grünen Wiese zu denken, sondern im Dialog mit dem Vorgefundenen. Und ja, zugegeben habe ich als junger Architekt in der Aufbruchsstimmung der frühen Neunziger Jahre auch gehadert damit, dass wir „nur“ Sanierungsprojekte bearbeiteten und keine Neubauten. Der Blick hat sich seitdem deutlich gewandelt. Wir verbringen 90 % unserer Zeit in gebauter Umwelt. Überall, wo du bist, ist immer schon etwas vorhanden. Es ist nicht immer gute Architektur, es kann aber der Rohstoff für gute Architektur sein.
Mich fasziniert bis heute, dass der Bestand eine Gegenposition zum Beliebigen ist. Ein Neubau lässt theoretisch alles zu. Der Bestand stellt Fragen, setzt Grenzen und eröffnet dadurch oft überraschende Möglichkeiten. Gute Transformation ist deshalb für mich häufig die anspruchsvollere und zugleich spannendere Form des Entwerfens.
NAX: Wie transformiert SEHW? Erhalten versus „wieder vollständig machen“… Weiterbauen… weiterdenken?
Xaver Egger: Wir interessieren uns weniger für ideologische Positionen als für das Potenzial eines Ortes. Nicht alles muss oder kann erhalten werden, aber auch nicht alles muss ersetzt werden.
Transformation bedeutet für uns, den Bestand genau zu lesen, seine Qualitäten freizulegen und ihn dort weiterzubauen, wo neue Anforderungen dies notwendig machen. Wir wollen Gebäude nicht konservieren, sondern befähigen, ein neues Kapitel zu schreiben. Deshalb sprechen wir lieber vom Weiterdenken und Weiterbauen als vom bloßen Erhalten.
Besonders geehrt gefühlt habe ich mich kürzlich bei einem Artikel über unser Polizeipräsidium in Karlsruhe und dem Vergleich mit Hans Döllgast. Es zeigt unseren Ansatz exemplarisch. Ein Teil der Fassade des denkmalgeschützten ehemaligen Industriegebäudes fehlte, wurde zwischenzeitlich überformt, verändert. Unser konzeptioneller Ansatz ist eine Assoziation des Alten, in der gleichen Materialität, aber in neuer, abstrahierter Form und einer neutralen Farbe. Die Spuren der Zeit und die alte Fassadenstruktur überlagern sich und werden beide gemeinsam zu einem neuen Ganzen.
„Transformation bedeutet für uns, den Bestand genau zu lesen, seine Qualitäten freizulegen und ihn dort weiterzubauen, wo neue Anforderungen dies notwendig machen..“
Xaver Egger
NAX: Welche architektonischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Potenziale siehst du in der Umnutzung von Bestandsgebäuden im Vergleich zu Neubauten?
Xaver Egger: Bestandsgebäude besitzen etwas, das kein Neubau herstellen kann: Authentizität. Sie tragen Erinnerungen, Identität und oft auch eine räumliche Qualität in sich, die über Jahrzehnte gewachsen ist.
Architektonisch entstehen dadurch individuelle Lösungen statt austauschbarer Gebäude. Kulturell bleibt ein Stück Geschichte sichtbar. Und wirtschaftlich wird zunehmend deutlich, dass die klügste Ressource oft diejenige ist, die bereits vorhanden ist. Die Zukunft des Bauens liegt deshalb nicht im Entweder oder, sondern in einem intelligenten Zusammenspiel von Bestand und Neuem.
„Transformation braucht nicht nur gute Architektur, sondern auch eine Kultur des Vertrauens in die Fähigkeit von Gebäuden, sich zu verändern. “
Xaver Egger
NAX: Wenn du einen Aspekt aus der internationalen Praxis nach Deutschland übertragen könntest: Welcher wäre das?
Xaver Egger: Mehr Mut zum Weiterbauen. In vielen Ländern wird der Bestand pragmatischer betrachtet. Weniger als Problem und stärker als Chance. Wenn man in anderen Ländern arbeitet, steckt ein großes Learning in der Identifikation und Analyse anderer Planungskulturen. Man muss dabei gar nicht weit gehen. Wir haben das schon in Österreich, in der Schweiz und in Belgien kennengelernt. Und erst recht in Frankreich, in den USA oder in der arabischen Welt.
In Deutschland diskutieren wir oft zuerst über Vorschriften und Risiken. Ich würde mir wünschen, dass wir häufiger über Potenziale sprechen. Transformation braucht nicht nur gute Architektur, sondern auch eine Kultur des Vertrauens in die Fähigkeit von Gebäuden, sich zu verändern. Und das Vertrauen in uns Architekt*innen, diese Fähigkeiten zu erkennen und damit zu arbeiten. Genau darin liegt für mich eine der großen Aufgaben unserer Zeit. Und es macht große Freude.
NAX dankt Xaver Egger herzlich für dieses Interview.