Planungskulturen, Märkte und architektonische Perspektiven im Dialog zwischen Commonsense Studio und sehw architektur
Wie entstehen Architektur und Stadt in unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Kontexten? Welche Gemeinsamkeiten gibt es trotz verschiedener Planungskulturen – und wo liegen die entscheidenden Unterschiede?
Mit Commonsense Studio aus Tirana und sehw architektur aus Berlin bringt NAXNAX Netzwerk Architekturexport zwei Büros miteinander ins Gespräch, die seit mehreren Jahren im fachlichen Austausch stehen und Architektur als gesellschaftliche Aufgabe verstehen. Im Mittelpunkt des Dialogs stehen die unterschiedlichen Bedingungen, unter denen Architektur in Albanien und Deutschland entsteht: Planungskulturen und Märkte, öffentliche Bauvorhaben und gesellschaftliche Verantwortung, Geschwindigkeit und Prozesse sowie die Frage, wie sich das Berufsbild der Architekt verändert.

Commonsense Studio arbeitet an der Schnittstelle von Architektur, Stadtplanung und Forschung. Das Büro versteht Architektur als einen Prozess gesellschaftlicher Transformation und setzt sich mit den räumlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen des albanischen Kontextes auseinander.

sehw architektur mit Sitz in Berlin konzentriert sich insbesondere auf Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie auf Bauten für Sicherheit und Resilienz. Architektur wird dabei als nachhaltige Praxis verstanden, die über die Gestaltung einzelner Gebäude hinaus gesellschaftliche Wirkung entfalten kann.
Fünf Fragen, zwei Büros, zwei Planungskulturen:

Commonsense Studio aus Tirana und sehw architektur aus Berlin beantworten die Fragen zunächst unabhängig voneinander. Anschließend werden ihre Antworten redaktionell gegenübergestellt – mit Blick auf Gemeinsamkeiten, Unterschiede und spannende Spannungsfelder.
Im Herbst 2026 geht der Dialog in einem gemeinsamen Workshop in Tirana weiter.
Ziel: Architektur und Planung in Albanien und Deutschland jenseits von Klischees verstehen – unterschiedliche Märkte und Rahmenbedingungen, aber auch überraschend viele gemeinsame Fragen.
Berlin trifft Tirana ist deshalb kein klassischer Vergleich, sondern ein fachlicher Dialog über Architektur, Stadtentwicklung und die Zukunft des Planens.
Themenschwerpunkte des Interviews:
- Zwischen Wachstum und Transformation
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Sehw an CSS: Tirana wird heute als eine Stadt im Wandel wahrgenommen. Was unterliegt derzeit dem bedeutendsten Wandel, und welche Rolle kann Architektur in dieser Entwicklung spielen?
CSS: Der bedeutendste Wandel in Tirana ist nicht nur die wachsende Skyline; es ist das gleichzeitige Ansteigen von Dichte und Preisen – und damit auch der Lebenshaltungskosten, die mit dieser Verdichtung einhergehen. Es handelt sich um einen fortlaufenden Prozess der Gentrifizierung, der vor zwei oder drei Jahrzehnten begann; er hat sich nicht verlangsamt, sondern erreicht nun seinen Höhepunkt und durchdringt die Stadt mit voller Wucht. Die Vertikalität ist dabei das sichtbare Symptom. Der tiefgreifendere Wandel betrifft die Frage, wer es sich noch leisten kann, im Zentrum der eigenen Stadt zu leben, zu arbeiten und schlichtweg zu existieren.
Die Rolle der Architektur ist dabei keineswegs zweitrangig. Wenn wir ein Projekt übernehmen, gehört es zu unserer Aufgabe, ehrlich zu hinterfragen, für wen die bauliche Maßnahme gedacht ist und wen sie ausschließt – und ob dieser Ausschluss gerechtfertigt ist. Der Druck, dieser Frage auszuweichen, ist groß, denn der Wandel in Tirana wird heute größtenteils von privaten Bauvorhaben vorangetrieben, und privates Kapital wählt seine Zielgruppe naturgemäß selbst aus. Wir kamen einmal an einer Baustelle im Zentrum Tiranas vorbei, an der eine Werbetafel am Bauzaun unmissverständlich verkündete, das Gebäude sei „nicht für jedermann“ gedacht. Es war ein ehrlicher Slogan – und genau das machte ihn so verstörend. Er benannte die wachsende Kluft zwischen der breiten Öffentlichkeit und jener kleinen Gruppe, die das Gesicht der Stadt tatsächlich neu gestaltet.
Not for Everyone Innerhalb der Grenzen eines Privatgrundstücks ist die Auswahl der Käufer durchaus nachvollziehbar. Das Problem ist jedoch, dass diese Exklusivität nicht auf das Grundstück beschränkt bleibt. Sie strahlt nach außen aus. Sie prägt das Erdgeschoss, die Straße, das Preisniveau im Umfeld und den Charakter eines ganzen Viertels, bis ein Stadtteil, der einst allen gehörte, immer weniger Menschen offensteht.
Not for Everyone | © Fiona Mali Die Frage, die sich uns daher immer wieder stellt, lautet: Lassen sich private und öffentliche Interessen, Exklusivität und Inklusivität in ein und demselben Bauvorhaben vereinen – und mit welchen Mitteln? Wir hoffen, dass dies kein verlorener Kampf ist. Grundstücke in Stadtzentren werden immer teuer sein; doch ob ein solches Zentrum zu einer abgeschotteten Enklave wird oder ein Ort für alle bleibt, ist eine Entscheidung der Gesellschaft – kein Naturgesetz. Andere Städte haben die Vielfalt ihrer Innenstädte bewahrt, indem sie Wohnraum als öffentliche Infrastruktur betrachten und von privaten Bauvorhaben verlangen, dass sie der Öffentlichkeit etwas zurückgeben – als Gegenleistung für das, was sie ihr entziehen. Tirana hat dies entlang seines Hauptboulevards bereits teilweise umgesetzt; dort haben öffentliche Projekte
die Qualität des öffentlichen Raums enorm gesteigert. Unsere Sorge gilt dem übrigen Stadtgebiet: den zahlreichen privaten Investitionen – sowohl im Zentrum als auch im gesamten Stadtgebiet –, die dem öffentlichen Leben mehr nehmen, als sie ihm zurückgeben. Diese Debatte wurde in Tirana bislang kaum geführt. Wir halten sie für überfällig und sind der Meinung, dass Architekten zu denjenigen gehören sollten, die sie anstoßen.Der tiefgreifendere Wandel in Tirana betrifft die Frage, wer es sich noch leisten kann, im Zentrum der eigenen Stadt zu leben. Architektur sollte deshalb hinterfragen, für wen gebaut wird und welchen Beitrag private Projekte zum öffentlichen Leben leisten.
CSS an sehw: Viele deutsche Städte konzentrieren sich zunehmend auf die Umnutzung, Weiterentwicklung und Transformation von Bestandsbauten. Ist dies zur zentralen Aufgabe deutscher Architekturbüros geworden?
sehw: Eure Beobachtung der Gentrifizierung in Tirana ist uns sehr vertraut. Auch in vielen deutschen Großstädten wird intensiv darüber diskutiert, wem die Stadt eigentlich gehört und wie bezahlbares Wohnen gesichert werden kann. In Berlin gehört das Thema Wohnen zu den prägenden politischen Fragen und wird den kommenden Wahlkampf maßgeblich bestimmen.
Während sich diese Debatte häufig an Neubauprojekten entzündet, gewinnt zugleich die Transformation bestehender Gebäude an Bedeutung.Transformation Polizeipräsidium Karlsruhe | © Helin Bereket Für uns ist das kein Nischenthema, sondern ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Besonders im Bildungs-, Forschungs- und Verwaltungsbau beschäftigen wir uns immer häufiger mit der Frage, wie bestehende Gebäude weitergenutzt, umgebaut oder an veränderte Anforderungen angepasst werden können, anstatt sie abzureißen und neu zu errichten.
Transformation Polizeipräsidium Karlsruhe | © Helin Bereket Auch die Umnutzung von Bürogebäuden zu Wohnraum wird in vielen deutschen Städten als möglicher Baustein zur Entlastung der Wohnungsmärkte diskutiert. In entsprechenden Studien für Bestandshalter von Büroimmobilien haben wir die Machbarkeit solcher Transformationen bereits nachgewiesen.
Insgesamt ist die Transformation des Bestands heute eines der großen Themen der Architektur in Deutschland. Dahinter stehen ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen gleichermaßen: Wie können wir vorhandene Ressourcen nutzen, anstatt immer neu zu bauen? Wie lassen sich bestehende Gebäude an veränderte Anforderungen anpassen? Und wie kann dabei gleichzeitig die Identität eines Ortes erhalten bleiben?Transformation des Bestands bedeutet, vorhandene Gebäude weiterzudenken, statt sie neu zu bauen – und dabei ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung mit der Identität eines Ortes zu verbinden.
Transformation ist deshalb nicht die zentrale Aufgabe deutscher Architekturbüros, aber sicherlich eine der wichtigsten. Sie prägt zunehmend unseren beruflichen Alltag und wird die Entwicklung unserer Städte in den kommenden Jahrzehnten entscheidend mitbestimmen. Gerade deshalb verstehen wir Transformation nicht nur als technische oder wirtschaftliche Herausforderung, sondern als kulturelle Aufgabe, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.
- Geschwindigkeit und Planungskultur
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CSS an sehw: Aus albanischer Sicht wirkt Deutschland oft wie ein Land, das von Verfahren, der Einbindung von Stakeholdern und Genehmigungsprozessen geprägt ist. Wie gelingt es euch, innerhalb dieses Rahmens Innovation und gestalterische Qualität zu fördern?
sehw: Aus deutscher Sicht teilen wir diese Wahrnehmung. Viele Menschen erleben das Land heute als stark reguliert, und angesichts der oft mäßigen Geschwindigkeit und Qualität der Ergebnisse stellt sich die Frage, ob immer neue Vorschriften tatsächlich die richtige Antwort sind. Aktuell wird deshalb intensiv über neue Wege diskutiert. Der sogenannte Gebäudetyp E versucht, das Bauen wieder einfacher zu machen und Spielräume zurückzugewinnen, die im Laufe der Jahre durch immer weitere Normierungen verloren gegangen sind.
Rotationsgebäude Essen | © Wolf Schily Ähnliches gilt für den Bauturbo, der insbesondere den Wohnungsbau beschleunigen soll. Die eigentliche Innovation liegt heute deshalb oft weniger in neuen Technologien als vielmehr in der Weiterentwicklung von Prozessen und Entscheidungsstrukturen.
Gleichzeitig dürfen Geschwindigkeit und Qualität kein Widerspruch sein. Wettbewerbe spielen in Deutschland eine wichtige Rolle, weil sie gestalterische Qualität absichern und unterschiedliche Lösungsansätze sichtbar machen. Ebenso wichtig ist die frühzeitige Einbindung von Nutzerinnen und Nutzern. Sie hilft, die eigentliche Aufgabenstellung zu schärfen und verhindert, dass man am tatsächlichen Bedarf vorbeiplant.Rotationsgebäude Essen | © Wolf Schily Dabei stellen wir immer wieder fest, dass Bauen ein zutiefst politischer Prozess ist. Fast jedes größere Projekt löst zunächst Skepsis aus. Wenn wir unsere Entwürfe öffentlich vorstellen, hören wir häufig, dass man sich an diesem Ort keine oder zumindest nicht diese Bebauung vorstellen könne. Architektur bewegt sich daher immer im Spannungsfeld zwischen Veränderungswillen und Beharrungskräften. Gute Lösungen entstehen oft erst durch den konstruktiven Umgang mit diesen unterschiedlichen Interessen.
Die Zukunft des Bauens liegt nicht nur in neuen Technologien, sondern vor allem in einfacheren Prozessen, frühzeitiger Beteiligung und dem Mut, Qualität auch gegen komplexe Verfahren durchzusetzen.
Die Frage der Gestaltungsqualität ist davon noch einmal zu unterscheiden. Manchmal hat man das Gefühl, gute Architektur regelrecht in komplexe Verfahren hineinschmuggeln zu müssen. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass gute Gestaltung kein Luxus ist, sondern einen eigenen gesellschaftlichen Wert besitzt. Gebäude, die sorgfältig entworfen sind, werden von ihren Nutzerinnen und Nutzern besser angenommen, identitätsstiftend erlebt und nachhaltiger genutzt. Der Einsatz dafür erinnert bisweilen an Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen. Er ist oft mühsam, lohnt sich aber mit jedem Projekt, das am Ende zeigt, dass Qualität einen Unterschied macht.
sehw an CSS: Im Gegensatz zu den von mir gerade beschriebenen komplexen Prozessen in Deutschland scheinen Projekte in Albanien oft deutlich schneller umgesetzt zu werden. Welche großen Chancen bietet diese Dynamik, und wo stößt sie möglicherweise an ihre Grenzen?
CSS: Es stimmt, dass die Dinge hier schneller vorangehen als in vielen anderen Ländern, aber nicht ganz so rasant, wie es der Ruf vermuten lässt. Auch hier muss ein Projekt diverse Verfahren, Anträge und Genehmigungsverfahren durchlaufen. Und bei genauerer Betrachtung geht es eigentlich gar nicht primär um Geschwindigkeit. Das Besondere an der aktuellen Situation in Albanien ist die Quantität: die schiere Anzahl an Projekten, die in kurzer Zeit entwickelt werden – und das meist gleichzeitig.
Albanien erlebt einen enormen Entwicklungsschub – die große Chance liegt im sichtbaren Wandel, die Herausforderung darin, Tempo, Qualität und Stadtentwicklung miteinander in Einklang zu bringen.
Die darin liegende Chance ist real und deutlich spürbar. Es herrscht ein echter Hunger nach Verbesserung – sei es in den Stadtzentren oder an der Peripherie, an der Küste oder in attraktiven, abgelegenen Regionen –, um Orte mit ungenutztem Potenzial auf ein Niveau zu heben, das den Wünschen der Menschen entspricht. Dieser Tatendrang setzt Energien frei. Die Menschen sehen schnell die Früchte einer gelungenen Entwicklung, und dieser sichtbare Wandel weckt den Wunsch nach mehr. Dabei hilft ein Blick zurück auf die Ausgangslage: Jahrelang wurden hier Projekte entworfen, überarbeitet und neu gezeichnet, doch viele verschwanden einfach in der Schublade – nie gebaut oder gar nicht erst realisierbar. Zu sehen, wie Projekte nun tatsächlich Wirklichkeit werden, und durch Stadtviertel zu gehen, die offensichtlich aufgewertet wurden, ist sehr ermutigend.
Die Kehrseite der Medaille ist jedoch ebenso real. „Zu viel und zu schnell“ ist nicht der sicherste Weg zum gewünschten Ergebnis, und wir müssen mit den Kompromissen leben, die dieser Ansatz erzwingt. Als Erstes bleibt die öffentliche Infrastruktur (Straßen, Versorgungsnetze, öffentlicher Nahverkehr) auf der Strecke: Nicht alle öffentlichen Investitionen können mit dem Tempo der privaten Entwicklung Schritt halten. Auch die Qualität lässt sich nur schwer wahren, wenn alles gleichzeitig geschieht, denn Qualitätssicherung erfordert mehr Zeit und Kontrolle, als das aktuelle Tempo zulässt – insbesondere, da die albanischen Standards für Bau und Gestaltung noch nicht so gefestigt oder detailliert sind, dass sie alle Eventualitäten abdecken könnten. Dasselbe gilt für eine ehrliche Einbindung der Beteiligten und für den Zeitaufwand, den eine integrative Planung tatsächlich erfordert.
Es wäre jedoch unehrlich, dies lediglich als Problem eines zu hohen Tempos darzustellen, denn die Alternative hat hier ihre eigene Geschichte – und sie hat nicht funktioniert. Umfassende Planung ist angesichts der albanischen Realität zersplitterter Eigentumsverhältnisse ausgesprochen schwierig. Ein Plan trifft auf die konkrete Situation vor Ort und stößt auf Grundstücke, die nicht entwickelt werden können, auf Eigentümer, die weder bauen noch kooperieren wollen, sowie auf öffentliche Absichten, die sich auf den tatsächlichen Parzellen als nicht umsetzbar erweisen. Den Rhythmus der Planung mit dem Rhythmus der tatsächlichen Entwicklung in Einklang zu bringen, ist weitaus schwieriger, als es von außen den Anschein hat. Wir haben beide Extreme ausprobiert: Wir haben die Bautätigkeit fast vollständig eingefroren, um zunächst zu planen, und wir haben Investoren mit ihren eigenen Interessen vorangehen lassen, während die Regierung lediglich Feedback gibt und Auflagen erteilt. Der zweite Ansatz führt zu weitaus mehr Bauvorhaben in deutlich kürzerer Zeit, geht dabei jedoch zulasten eines Teils jener Kohärenz, die Planung eigentlich gewährleisten soll. Wohin das führen wird, wissen wir noch nicht. Doch es ist ein ehrliches Experiment, und wir sind mittendrin – was einen der interessanteren Aspekte unserer Arbeit hier und heute ausmacht.
- Die gesellschaftliche Rolle von Architektur
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sehw an CSS: Auf eurer Website beschreibt ihr Architektur als einen sozialen und politischen Akt. Was bedeutet das konkret für den Arbeitsalltag eines Architekturbüros?
CSS: Für uns ist das kein bloßer Slogan; es spiegelt sich in alltäglichen Entscheidungen wider. Es beginnt schon damit, wie wir ein Projekt angehen. Bevor wir zeichnen, investieren wir Zeit in Recherche und darin, den Ort sowie das Leben, das dort stattfinden wird, zu verstehen – denn wir glauben nicht, dass man einer Gemeinschaft dienen kann, die man nicht zu begreifen versucht hat. Es setzt sich in unserer Argumentation fort. Architektur als gesellschaftlichen Akt zu begreifen bedeutet, dass wir uns bisweilen für Dinge einsetzen, die der Bauherr nicht angefordert hat und für die er zunächst auch nicht zahlen möchte: ein zur Straße hin offenes Erdgeschoss, öffentlicher Zugang zu einer Ressource, von der das Projekt profitiert, oder ein gemeinschaftlich nutzbarer Raum, obwohl das Raumprogramm nur einen privaten Bereich vorsah. Dies offen auszusprechen – und in der Diskussion auch mal zu unterliegen – gehört zu unserem Arbeitsalltag.
Ein aktuelles Projekt veranschaulicht, wie das in der Praxis aussieht. Ein Bauherr kam mit dem Auftrag für ein exklusives Wohngebäude auf uns zu; das Grundstück lag in bester Lage direkt am Seeufer – an einem Ort also, an dem jeder Quadratmeter Erdgeschossfläche einen hohen Verkaufspreis erzielt. Von Anfang an setzten wir uns dafür ein, einen öffentlichen Durchgang durch das Gebäude zu erhalten, damit die Menschen aus der Nachbarschaft den See zu Fuß so erreichen konnten, wie es ihrem natürlichen Bedürfnis entsprach. Das bedeutete, den Bauherrn zu bitten, auf fast ein Drittel seiner Erdgeschossfläche zu verzichten – also auf den Teil mit dem höchsten Verkaufswert – und sich zudem an der Neugestaltung des Seeufers zu beteiligen. Erfreulicherweise stimmte er zu; er teilte die Überzeugung, dass ein solches Bauvorhaben der Stadt etwas geben sollte, das für die Menschen tatsächlich spürbar ist. Für uns bildet das Erdgeschoss dabei das Herzstück.
Open ground floor Drawing Hier begegnet das Gebäude all jenen, die nicht Eigentümer sind; hier berührt es die Straße, die Kreuzung, die Schule und das übrige Viertel. Es ist jener Teil, dem wir bei jedem Projekt die größte Aufmerksamkeit widmen.
Architektur bedeutet für uns gesellschaftliche Verantwortung – und Erfolg zeigt sich daran, welchen Mehrwert ein Projekt für die Menschen und seinen Ort schafft.
Selbst bei privaten Bauvorhaben lässt sich erreichen, dass das Erdgeschoss einen Mehrwert für das Umfeld schafft. Wir versuchen stets, diesen Nutzen zu maximieren – und zwar nicht nur dann, wenn die Bauherrschaft so aufgeschlossen ist wie in diesem Fall.
Das bedeutet auch, dass wir einen Teil unserer Arbeit dem Gemeinwohl widmen. Wir engagieren uns weiterhin ehrenamtlich in albanischen Städten; denn wer davon überzeugt ist, dass Architektur eine gesellschaftliche Verantwortung mit sich bringt, muss dieser auch dann gerecht werden, wenn kein konkreter Auftrag vorliegt. Diese Haltung prägt auch unser Verständnis von Erfolg. Wir bewerten ein Projekt weniger nach dem fertigen Bauwerk als vielmehr nach den Veränderungen, die es im gesellschaftlichen Miteinander anstößt – etwa indem es Begegnungen ermöglicht, Zugehörigkeitsgefühl schafft oder es den Menschen erlaubt, ihren Alltag mit etwas mehr Würde zu gestalten.
Grundschule Nürnberg | © Helin Bereket CSS an sehw: Viele eurer Projekte beschäftigen sich mit Gebäuden für Bildung und Forschung. Wie gelingt es euch, funktionale Anforderungen mit gesellschaftlichem Mehrwert und Identitätsstiftung zu verbinden?
sehw: Der von euch beschriebene Gedanke des offenen Erdgeschosses spricht uns sehr an. Erdgeschosse sind die Schnittstelle zwischen Gebäude und Stadt. Sie entscheiden darüber, ob Architektur Teil des öffentlichen Lebens wird oder sich von ihm abgrenzt. An der Hochschule Bochum haben wir gemeinsam mit Studierenden ein Reallabor entwickelt, das sich genau mit dieser Frage beschäftigt: der Reaktivierung leerstehender Erdgeschosszonen in Bestandsgebäuden. Dabei geht es darum, Räume zurückzugewinnen, die bislang ungenutzt oder verschlossen waren, und sie wieder als Orte der Begegnung und des Austauschs verfügbar zu machen.
In unseren Projekten für Bildung und Forschung ist dieser gesellschaftliche Mehrwert gewissermaßen bereits im Programm angelegt. Schulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen leben vom Austausch zwischen Menschen. Deshalb verstehen wir Architektur nicht nur als die Bereitstellung funktionaler Flächen, sondern als die Gestaltung von Beziehungen. Uns interessieren vor allem die Zwischenräume: Lernlandschaften, Foyers, Treppen, Begegnungszonen oder informelle Arbeitsbereiche.
Leibniz Institut Braunschweig | © Helin Bereket Dort, wo Menschen ungeplant aufeinandertreffen, entstehen oft die besten Gespräche und nicht selten die entscheidenden Ideen. Gute Bildungs- und Forschungsbauten schaffen deshalb Freiräume für Zufall, Austausch und Gemeinschaft. Gleichzeitig spielt Identität eine zentrale Rolle. Gebäude für Bildung und Forschung sollen sichtbar machen, wofür eine Institution steht. Im Laborbau bedeutet das häufig, das Wissen und die Innovationskraft hinter den Forschungsprozessen nach außen abzubilden. Bei der Chemical Invention Factory in Berlin, einem Gründerhub für grüne Chemie, wurde dieser Anspruch beispielsweise durch eine markante Hülle aus recyceltem Kunststoff übersetzt, die Innovation und Nachhaltigkeit gleichermaßen sichtbar macht. Beim Fraunhofer-Zentrum für Digitale Energien entwickelten wir ein Gebäude, das von einem Netz umhüllt wird. Dieses Netz ist Träger der begrünten Fassade und zugleich ein starkes Symbol für die Vernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
In Schulen beobachten wir eine ähnliche Wirkung. Architektur wird dann erfolgreich, wenn sie Identifikation stiftet und von ihren Nutzer*innen angenommen wird. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Aussage eines Schulleiters, dessen Schüler*innen ihre Freunde mit in die Schule bringen, um ihnen das Gebäude zu zeigen. Ein größeres Kompliment kann Architektur kaum erhalten. Es zeigt, dass ein Gebäude zu einem Ort geworden ist, mit dem sich Menschen identifizieren, auf den sie stolz sind und an dem Gemeinschaft entsteht. Genau darin sehen wir die gesellschaftliche Rolle von Architektur.
Gute Architektur schafft nicht nur Räume, sondern Orte, die Beziehungen fördern, Zugehörigkeit erzeugen und Identität stiften.
Sie schafft nicht nur Räume für bestimmte Nutzungen, sondern Orte, die Beziehungen fördern, Zugehörigkeit erzeugen und Identität stiften. Im Laufe unseres Austauschs habt ihr einen Begriff aufgegriffen, den ich gerne verwende: Architektur als Seedbomb. Für uns beginnt ein Projekt mit einem kleinen Impuls, einer Idee oder der Beobachtung eines gesellschaftlichen Bedarfs. Wenn wir genau hinschauen, wie Menschen leben, lernen, arbeiten oder altern möchten, und sie auf diesem Weg mitnehmen, kann daraus etwas entstehen, das weit über das Gebäude selbst hinauswirkt. Gute Architektur schafft die Voraussetzungen dafür, dass aus einem Gedanken ein Ort wird, der wie oben beschrieben Gemeinschaft stärkt, Identität stiftet und positive Veränderungen anstößt – ganz wie ein Samen, aus dem mit der Zeit etwas Größeres wächst.
- Zusammenarbeit mit Auftraggebern
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CSS an sehw: Was überrascht internationale Kollegen am meisten, wenn sie zum ersten Mal mit einem deutschen Auftraggeber aus dem öffentlichen Sektor zusammenarbeiten?
sehw: Was internationale Kolleg*innen oft überrascht, sind die außerordentlich hohen Anforderungen an Dokumentation, Nachweisführung und Verfahrenssicherheit im öffentlichen Bauen in Deutschland. Nahezu jeder Schritt ist geregelt, erläutert und juristisch abgesichert. Das schafft Transparenz und sorgt für nachvollziehbare Entscheidungen. Gleichzeitig entsteht aber auch das Gefühl, sich in einem dichten Geflecht aus Regeln, Zuständigkeiten und Vorgaben zu bewegen und zu verlieren. Vieles, was heute als komplex oder schwerfällig empfunden wird, ist ursprünglich mit der Absicht entstanden, Verfahren zu vereinheitlichen, Qualität zu sichern und grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu erleichtern. Diese Ziele sind grundsätzlich richtig. In der Praxis schlägt das System jedoch manchmal ins Gegenteil um und entwickelt eine gewisse Lähmung.
Zusammenarbeit Fraunhofer Institut Aachen | © Third Für Planende bedeutet das, dass neben der eigentlichen Architektur ein erheblicher Teil der Arbeit in Abstimmung, Dokumentation und Prozesssteuerung investiert wird. Entwürfe müssen nicht nur gestalterisch überzeugen, sondern ebenso vergabe-, genehmigungs- und haushaltsrechtlichen Anforderungen standhalten. Das erfordert eine große Präzision, kann aber auch dazu führen, dass man den Eindruck gewinnt, dass die Risiken eines Projekts stärker diskutiert werden als seine Potenziale.
Gerade deshalb schätzen wir die Zusammenarbeit mit internationalen Kolleg*innen sehr. Sie bringen häufig einen unvoreingenommenen Blick auf Aufgabenstellungen mit und hinterfragen Selbstverständlichkeiten, die wir in Deutschland längst akzeptiert haben. Oft gehen sie pragmatischer an Probleme heran und konzentrieren sich stärker auf die eigentliche Fragestellung als auf den Prozess. Das führt regelmäßig zu spannenden Diskussionen darüber, wie viel Regelwerk tatsächlich notwendig ist und wo mehr Vertrauen in fachliche Kompetenz hilfreich wäre.Zusammenarbeit Fraunhofer Institut Aachen | © Third Für die Gestaltung ist dieser Austausch besonders wertvoll. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe bringen unterschiedliche Vorstellungen von Raum, Stadt und Öffentlichkeit hervor. Internationale Kolleg*innen erweitern gewissermaßen das Vokabular unserer gemeinsamen Architektursprache und bringen einen anderen „Slang“ ein. Oft sind es genau diese zusätzlichen Perspektiven, die einem Projekt seine Eigenständigkeit verleihen und im Wettbewerb den entscheidenden Unterschied ausmachen. Die Stärke liegt deshalb nicht darin, die vermeintliche deutsche Gründlichkeit gegen andere Herangehensweisen auszuspielen, sondern beide miteinander zu verbinden: die Verlässlichkeit klarer Prozesse mit der Offenheit, Gewohntes immer wieder neu zu hinterfragen.
Die Stärke liegt darin, die Verlässlichkeit klarer Prozesse mit der Offenheit zu verbinden, Gewohntes immer wieder neu zu hinterfragen.
sehw an CSS: Angenommen, ein deutsches Büro möchte erstmals in Albanien tätig werden: Was sind die wichtigsten Dinge, die wir über eure dortige Bau- und Planungskultur wissen sollten?
CSS: Das Wichtigste, was ein deutsches Büro vor der Arbeit in Albanien wissen sollte, ist, dass die Kluft zwischen dem Projekt auf dem Papier und dem tatsächlich gebauten Objekt hier größer sein kann, als man es gewohnt ist. Ganz gleich, wie sorgfältig ein Entwurf im Büro ausgearbeitet wurde – das Ergebnis vor Ort ist weniger garantiert; daher verdient die praktische Umsetzung besondere Aufmerksamkeit. Die Planungs- und Entwurfskultur lässt dem Architekten hier viel Freiheit, während die Baukultur ein hohes Maß an Präsenz erfordert. Beides unterscheidet sich womöglich von dem, was deutsche Büros gewohnt sind, und beides erfordert eine entsprechende Vorbereitung.
Was den Entwurf betrifft, so fällt zunächst auf, wie wenige feste Regeln und Standards vorgegeben sind. Ein deutscher Architekt erwartet vielleicht einen definierten Rahmen aus Anforderungen, Normen und Grenzwerten. Hier gibt es mehr Spielraum – und damit eine echte Offenheit für Experimente sowie für Lösungen, die auf dem eigenen Urteilsvermögen des Architekten beruhen. Diese Freiheit ist ein Geschenk, legt aber auch die Messlatte höher. Sie verlangt vom Architekten eine umfassende und gewissenhafte Arbeitsweise: Er muss sich das Recht erarbeiten, eine Aufgabenstellung infrage zu stellen, wenn diese für eine gute Idee zu eng gefasst ist, und er muss bewährte Verfahren auf die jeweilige konkrete Problemstellung anwenden. Unserer Erfahrung nach geht die Rolle des Architekten dabei über den rein technischen und ästhetischen Aspekt hinaus. Oft muss man wie ein Projektentwickler denken – oder zumindest wie dessen Partner –, indem man das Gesamtergebnis im Blick behält und nicht nur das Gebäude an sich. Das ist eine der besonderen Herausforderungen der Tätigkeit hier, aber auch einer der Aspekte, die sie so interessant machen.
Hinsichtlich der Umsetzung lautet der Rat einfacher, aber ebenso wichtig: Seid so oft wie möglich vor Ort. Umfangreiche und sorgfältige Planungsarbeit kann am Ende kaum Wirkung zeigen, wenn sie bei der Bauausführung nicht konsequent umgesetzt wird – denn nicht jeder Bauunternehmer studiert die Planungsunterlagen so genau, wie sie ausgearbeitet wurden. Um die Qualität der Arbeit zu sichern, ist physische Präsenz unerlässlich: Man muss vor Ort beim Baustellenteam sein, das Projekt gemeinsam durchgehen und auftretende Fragen direkt klären. Ein Partner vor Ort ist wichtig, um diese gemeinsame Präsenz zu gewährleisten; dabei sollte es sich jedoch um einen Partner handeln, der die gleichen Werte teilt – wie auch immer diese aussehen mögen –, damit man sich gut versteht und eine echte Zusammenarbeit aufbaut, statt einer Verbindung, die lediglich auf dem Papier besteht.
Letztlich bietet gerade die deutsche Gründlichkeit hier große Vorteile, doch jede Entscheidung muss auf der Realität vor Ort fußen, denn dort – auf der Baustelle – entscheidet sich letztlich, wie die Architektur in Albanien Gestalt annimmt.
In Albanien entscheidet sich auf der Baustelle, wie Architektur tatsächlich Gestalt annimmt – deshalb sind Präsenz vor Ort und eine sorgfältige Planung gleichermaßen entscheidend.
. - Wie entsteht architektonische Qualität?
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sehw an CSS: In Deutschland gibt es zwar immer weniger Wettbewerbe, aber sie gelten oft nach wie vor als zentrales Instrument der Qualitätssicherung. Wie entstehen gute Projekte und gute Architektur in Albanien?
Institut Uni Rostock | © Philipp Obkircher CSS: Auch in Albanien gibt es Wettbewerbe. Wie in Deutschland dienen sie dazu, den besten Entwurf zu ermitteln – vor allem bei großen öffentlichen Investitionsprojekten und neuerdings auch bei einigen privaten Vorhaben. Das Instrument ist uns also durchaus vertraut. Allerdings gibt es zwei Faktoren, die die Qualitätssicherung durch dieses Verfahren einschränken. Der erste ist die Umsetzung. Die seit etwa 2014 durchgeführte Reihe öffentlicher Wettbewerbe weist eine schwache Realisierungsbilanz auf: Siegreiche Entwürfe scheitern oft an ungeklärten Eigentumsverhältnissen, die Enteignungen erfordern würden, an fehlenden Institutionen, Gremien oder Stiftungen, die für die Projektabwicklung nötig wären, oder schlicht an Budget- und Ressourcenengpässen. Ein Wettbewerb kann auf dem Papier ein hervorragendes Ergebnis liefern, ohne jemals tatsächlich gebaut zu werden. Der zweite limitierende Faktor ist der Anwendungsbereich. Wettbewerbe decken nur einen kleinen Teil des Baugeschehens ab – nämlich öffentliche Projekte und die Institutionen, die diese ausschreiben. Der weitaus größere Teil der Bauvorhaben in Albanien ist privater Natur, und Wettbewerbe tragen kaum zur Qualitätssicherung in diesem Bereich bei.
Genau hier liegt das eigentliche Problem, denn die Qualität eines Gebäudes ist niemals das Werk eines einzelnen Akteurs. In einem Land, dessen Standards und Vorschriften sich noch entwickeln – und wo das Defizit nicht nur in der Regelsetzung, sondern vor allem in der konsequenten Durchsetzung liegt –, bedeutet Qualitätssteigerung, dass alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette ihren Teil gewissenhaft erfüllen müssen. Man kann einen hervorragenden Entwerfer haben und das Ergebnis dennoch durch einen Bauunternehmer gefährden, der sich nicht an die Pläne hält, oder durch einen Bauherrn, der ständig die Rahmenbedingungen ändert. Das ist uns schon unzählige Male passiert. Man kann Qualität nicht im Alleingang schaffen; es braucht die gesamte Kette.
Qualität entsteht nicht im Alleingang, sondern entlang der gesamten Prozesskette.
Angesichts dieser Situation hat das Land die Qualität in den letzten Jahren vor allem durch den Import von Expertise von außen gesteigert: Man beauftragt oder empfiehlt renommierte internationale Büros, von denen man erwartet, dass sie ihre bewährten Verfahren, ihr Know-how und ihre Professionalität in das Projekt einbringen, um die Qualität bereits ab der Entwurfsphase zu sichern. Dieser Ansatz hat die Szene sichtbar verändert. Es hat den Designstandard angehoben, das Niveau von Wettbewerb und Engagement gesteigert und nicht nur albanische Architekten, sondern auch Bauunternehmer und Projektentwickler mobilisiert; diese erwarten nun mehr von einem Entwurf und von den Quadratmetern, die eine Investition rentabel machen sollen. Man muss es offen aussprechen: Ausländische Büros haben die Qualität der Architektur in Albanien auf ein Niveau gehoben, das ohne ihren Einfluss – also rein durch albanische Architekten – nicht erreicht worden wäre. Dies hat bisherige Vorstellungen vom Machbaren erschüttert und die Messlatte tatsächlich höher gelegt. Viele dieser Entwürfe sind hervorragend. Manche sind es weniger und könnten
stärker auf ihren Kontext eingehen. Doch die Gesamtwirkung im Hinblick auf die Qualitätssicherung ist unbestreitbar.Betrachtet man die Situation realistisch, so zeigt sich: Der eine Aspekt funktioniert, während der andere noch aussteht. Die Qualitätssicherung in der Entwurfsphase – gestützt auf die Handschrift und die bewährten Arbeitsweisen eines renommierten Planers – ist nicht dasselbe wie ein ausgereiftes System, das dahintersteht. Die gesamte Prozesskette muss parallel dazu erst noch aufgebaut werden: Standards, Vorschriften und vor allem deren Durchsetzung. Derzeit hängt die Qualität unserer Architektur stärker als wünschenswert von den beteiligten Personen ab und weniger von einem etablierten, ausgereiften Verfahrenssystem. Es herrscht nach wie vor eine Kultur des Lernens durch Tun vor; die anstehende Aufgabe besteht darin, das, was Einzelne bereits als machbar bewiesen haben, in etwas zu überführen, das das System selbst gewährleisten kann.
Institut Uni Rostock | © Philipp Obkircher CSS an sehw: Glaubt ihr, dass die deutsche Planungskultur bisweilen so stark auf Verfahrenssicherheit fixiert ist, dass Chancen und Innovationen auf der Strecke bleiben?
sehw: Das ist eine schwierige Frage. Denn die deutsche Planungskultur im Sinne von uns Planenden ist nicht auf Verfahrenssicherheit fixiert. Architekt*innen interessieren sich vor allem für die Chancen eines Projekts, für gute Räume, neue Ideen und gesellschaftlichen Mehrwert. Die starke Orientierung an Sicherheit und Absicherung entsteht vielmehr auf der Ebene der Verfahren selbst.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Balance stimmt. Je mehr Anforderungen, Nachweise und Absicherungen hinzukommen, desto größer wird die Gefahr, dass sich der Blick von den Möglichkeiten eines Projekts auf die Vermeidung von Risiken verlagert. Gerade bei den großen Herausforderungen unserer Zeit, von der Transformation bestehender Gebäude bis zur Entwicklung lebenswerter Städte, benötigen wir jedoch auch Mut zum Experiment. Gute Architektur entsteht schließlich nicht allein durch gute Prozesse, sondern dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und neue Wege auszuprobieren, Es ist die Neugier auf Lösungen, die es bisher noch nicht gibt, die mich interessiert.
Wir brauchen nicht weniger Verlässlichkeit, sondern eine stärkere Risikokultur – eine Planungskultur, die Zuverlässigkeit und Experimentierfreude zusammenbringt.
An dieser Stelle können wir etwas von euch, von Ländern lernen, die über weniger ausgeprägte Regelsysteme verfügen. Was wir uns deshalb wünschen würden, ist nicht weniger Verlässlichkeit, sondern eine stärkere Risikokultur. Die Frage sollte nicht nur lauten, wie wir Fehler vermeiden, sondern auch, wie wir Innovation ermöglichen können. Viele der heute geschätzten Stadträume und öffentlichen Gebäude wären vermutlich nie entstanden, wenn man sie ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Risikominimierung betrachtet hätte. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Zuverlässigkeit und Experimentierfreude zusammenzubringen. Gute Planungskultur entsteht dort, wo beides gelingt. Und ich muss leider konstatieren, dass es in Deutschland früher schon mal mehr gebauten Aufbruch und Fortschritt gab als heute.
- Marktchancen und -risiken
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CSS an sehw: Welche Entwicklungen werden den deutschen Architekturmarkt in den nächsten fünf bis zehn Jahren am stärksten prägen?
sehw: Die Wohnungsfrage wird den deutschen Architekturmarkt in den kommenden Jahren besonders prägen. Sie birgt erheblichen gesellschaftlichen Sprengstoff, weil Wohnen für viele Menschen immer teurer wird.
© Helin Bereket Nach Jahrzehnten, in denen der geförderte Wohnungsbau vernachlässigt wurde, stehen wir vor der Aufgabe, wieder schnell, wirtschaftlich und gleichzeitig qualitätsvoll zu bauen. Dabei geht es nicht nur um Quantität, sondern auch um die Frage, wie wir zukünftig zusammenleben wollen.
Mindestens ebenso wichtig sind Bildung, Forschung und der demografische Wandel. Der eigentliche Rohstoff Deutschlands steckt in den Köpfen der Menschen. Schulen, Hochschulen, Forschungszentren und Orte des lebenslangen Lernens werden deshalb weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig wächst die Zahl älterer Menschen deutlich.
© Helin Bereket Hier sehen wir noch viel Potenzial, von anderen europäischen Ländern zu lernen, die oft überzeugendere Konzepte für altersgerechte, gemeinschaftliche und würdevolle Lebensräume entwickelt haben. Mit der sogenannten Zeitenwende rücken zudem Themen wie Sicherheit, Resilienz und öffentliche Schutzinfrastruktur wieder stärker in den Fokus, nachdem wir lange geglaubt haben, Frieden sei eine Selbstverständlichkeit.
Ein weiterer entscheidender Trend ist die Transformation des Bestands. Die Frage wird künftig nicht mehr sein, was wir neu bauen können, sondern was wir bereits haben und wie wir es sinnvoll weiterentwickeln.
Umbauen statt Abreißen wird zu einer zentralen Aufgabe unserer Generation.
Und schließlich werden wir das Bauen insgesamt wieder stärker als gesellschaftliche Aufgabe verstehen müssen. Immobilien dürfen nicht ausschließlich als Anlageobjekte oder „Betongold“ betrachtet werden. Architektur hat immer auch eine Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl. Ihr habt vorhin das Beispiel eines Bauherrn beschrieben, der zugunsten der Öffentlichkeit auf einen Teil seiner wertvollsten Flächen verzichtet hat. Solche Entscheidungen zeigen, dass langfristiger gesellschaftlicher Mehrwert und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze sein müssen. Genau diese Haltung wird die Zukunft des Bauens maßgeblich prägen.
Die Architekturbranche selbst wird sich durch Digitalisierung, BIMBIM Building Information Modeling und Künstliche Intelligenz tiefgreifend verändern. Viele Routinetätigkeiten, von der Recherche über die Planung bis zur Dokumentation, werden künftig deutlich effizienter ablaufen. BIM verschiebt den Fokus bereits heute von der isolierten Planung einzelner Fachdisziplinen hin zur gemeinsamen Arbeit an einem digitalen Zwilling des Gebäudes. KI wird diesen Prozess weiter beschleunigen und Planungsvarianten, Analysen oder Abstimmungen unterstützen. Gleichzeitig steigt die Bedeutung des Architekten als Kurator, Vermittler und strategischer Denker. Denn je einfacher Informationen verfügbar werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und aus vielen möglichen Lösungen die beste auszuwählen. Die Zukunft der Architektur wird deshalb nicht weniger menschlich sein, sondern gerade in einer digitalisierten Welt von Haltung, Kreativität und Urteilsvermögen geprägt werden.
© Helin Bereket sehw an CSS: Wo liegen eurer Ansicht nach heute die größten Chancen und zugleich die größten Risiken für Architekturbüros in Albanien?
CSS: In Albanien sind Chancen und Risiken im Grunde dieselben Gegebenheiten, nur aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Urbanisierung und Investitionen lassen das Land in einem Tempo wachsen, das Architekten die seltene Gelegenheit bietet, eine Stadt noch während ihrer Entstehung mitzugestalten und frühzeitig öffentliche Bauaufgaben zu übernehmen, für die man andernorts erst viel später in der Karrierelaufbahn infrage käme. Betrachtet man die Kehrseite, so kann dieses Tempo – wenn es allein der Investitionslogik überlassen bleibt – den Architekten auf die Rolle desjenigen reduzieren, der Spekulationsobjekte lediglich optisch aufwertet; zudem können städtebauliche Weichenstellungen erfolgen, die fehlerhaft sind und die all jene überdauern, die einst von ihnen profitiert haben. Chance und Gefahr treten gemeinsam auf, und der Unterschied zwischen ihnen liegt vor allem in der Sorgfalt, mit der man agiert.
Chance und Gefahr treten gemeinsam auf – entscheidend ist, mit welcher Sorgfalt und Verantwortung wir den Wandel gestalten.
Die Chance, die wir am unmittelbarsten spüren, ist die Herausforderung, unsere eigenen Standards zu erhöhen. Die Projekte hier werden komplexer, und ihre Bewältigung erfordert ständiges Lernen: neue Typologien, neue Kompetenzen sowie Probleme, die wir zuvor noch nicht kannten und nun tatsächlich lösen müssen – mit realen Budgets und an realen Standorten. Für ein Büro, das wachsen möchte, ist das ein Geschenk. Es stellt uns in einen anspruchsvollen, wettbewerbsintensiven Markt und fordert von uns, gut genug zu sein, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Doch dieselbe Tatsache hat auch eine Schattenseite. Dieser Herausforderung erfolgreich zu begegnen, ist ausgesprochen schwierig, da es Ressourcen erfordert und ein gutes Ergebnis von der gesamten Kette der zuvor beschriebenen Akteure abhängt. Man kann zwar bereit sein, den Standard zu erfüllen, aber dennoch durch all die Faktoren und Beteiligten ausgebremst werden, die für die Realisierung des Bauvorhabens nötig sind. Auch hier sind Chance und Risiko also eins: Der Markt stellt hohe Anforderungen, und genau das macht es so wertvoll, diesen Anforderungen gerecht zu werden.
Das größte Risiko betrifft jedoch nicht eigentlich die Kapazitäten. Es geht um Verantwortung. Die eigentliche Gefahr eines Baubooms besteht darin, dass wir zwar viel bauen, dabei aber versäumen, die entscheidenden Fragen zu stellen. Für wen bauen wir? Wen schließen wir aus? Machen wir das Land tatsächlich zu einem lebenswerteren Ort – inklusiver, sicherer, sauberer und besser für die Generationen, die es erben werden? Wachstum, das auf diese Fragen keine Antwort liefert, ist kein Erfolg, so beeindruckend es auch wirken mag. Diese Fragen in einem schnelllebigen, privatwirtschaftlich geprägten und gewinnorientierten Markt lebendig zu halten, ist die schwierigste und zugleich wichtigste Aufgabe, vor der wir stehen.
Gerade beim Thema Nachhaltigkeit wird diese Verantwortung besonders konkret – und hier ist auch die Gefahr leerer Phrasen am größten. Noch immer wird Nachhaltigkeit allzu oft als bloßes Etikett behandelt: als etwas, mit dem ein Projekt in Konzept und Visualisierungen wirbt, das in der Realität dann aber still und leise auf der Strecke bleibt. Die einzige wirkliche Antwort darauf ist der Nachweis, dass sich Nachhaltigkeit auch tatsächlich bauen lässt. Als wir in Kamëz eine Schule errichteten – die erste in Albanien, die mehr Energie erzeugt, als sie verbraucht –, war genau das ein wesentliches Ziel: zu zeigen, dass ernsthafter Umweltschutz hier und heute möglich ist und nicht nur auf einer Präsentationstafel existiert. Nimmt man Nachhaltigkeit ernst, verliert sie ihren Charakter als Risiko und wird zur größten Chance überhaupt – zu jenem Bereich, in dem das Richtige zu tun und eine Vorreiterrolle am Markt einzunehmen auf dasselbe hinauslaufen.
- Persönliches Fazit
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Abschließende Frage an beide Büros: Stellen wir uns vor, das Team von Commonsense Studio würde eine Woche lang bei sehw in Berlin arbeiten – und umgekehrt das Team von sehw eine Woche lang in Tirana. Was würde euch zunächst überraschen oder verunsichern, und was würdet ihr wahrscheinlich sofort zu schätzen wissen?
CSS: Wir sind sicher, dass wir den Rollentausch für eine Woche sehr genießen würden. Aus der Ferne betrachtet stellen wir uns die Arbeit bei sehw gefestigter und stabiler vor, mit einem rationaleren Arbeitstempo – allein das würden wir schon sehr schätzen. Was uns anfangs vielleicht überraschen oder verunsichern könnte, wäre die Anzahl der Beteiligten: mehr Menschen mit ins Boot holen und von einer Idee überzeugen zu müssen sowie diverse Prüfschleifen zu durchlaufen, die zwangsläufig mehr Zeit in Anspruch nehmen. Wir vermuten jedoch, dass wir dies als sinnvoll investierte Zeit begreifen würden, da das Endergebnis am Ende auf breitere Akzeptanz stößt.
Nach dem hohen Tempo und den ständigen Unsicherheiten, die unsere Arbeit hier mit sich bringt, wäre das eine sehr willkommene Abwechslung. Was wir fast sofort schätzen würden, ist die Kette von Personen, denen man vertrauen kann, dass sie das Projekt durch alle Phasen bis zur Fertigstellung vorantreiben. Vielleicht bleibt nicht jedes Detail exakt so erhalten, wie es gezeichnet wurde, aber wir glauben, dass es dort viel mehr Zuverlässigkeit gibt – und das Gefühl, nicht alles allein schultern zu müssen.
Wir würden die Zuverlässigkeit als eine Art Freiheit empfinden: die Freiheit zu entwerfen im Wissen, dass die Umsetzung Bestand haben wird.
Es gibt andere, deren Aufgabe es ist, die Arbeit in den nächsten Schritt zu überführen; es ist ein gutes Gefühl, ihre Einwände und Kritik ebenso wie ihre Mitarbeit zu erleben – all das dient dazu, ein Projekt zum Erfolg zu führen. Genau diese Zuverlässigkeit vermissen wir zu Hause am meisten. Wir glauben, wir würden sie als eine Art Freiheit empfinden: die Freiheit zu entwerfen im Wissen, dass die Umsetzung Bestand haben wird. Wir vermuten, dass wir uns nach einer Woche in Berlin nach ein wenig dieser Struktur sehnen würden – so wie sich das Team von sehw nach einer Woche in Tirana wahrscheinlich ein wenig nach unserem Tempo sehnen würde. Die interessantesten Gespräche zwischen unseren Büros würden sich vermutlich genau um diesen Austausch drehen.
sehw: Perfect Match! Vermutlich würden wir die Woche in Tirana genauso genießen wie ihr die Zeit in Berlin. Für uns läge die größte Faszination wahrscheinlich in der Unmittelbarkeit und Dynamik. Wir würden das Ungeplante, Improvisierte und manchmal auch Unperfekte als inspirierend empfinden. Gleichzeitig wären wir vermutlich immer wieder überrascht von Entscheidungen oder Entwicklungen, mit denen wir nicht gerechnet hätten. Ich erinnere mich an ein Projekt, das wir vor dem Krieg in Syrien in Damaskus geplant haben. Der Bauherr wollte auf unseren Lageplänen im Maßstab 1:500 sämtliche Maße eingetragen haben. Auf
unsere Frage, wofür er diese benötige, antwortete er: „Danach wird gebaut.“ Aus deutscher Sicht wirkt das zunächst befremdlich, macht aber deutlich, wie unterschiedlich Planungskulturen sein können.Gerade deshalb würden wir die Erfahrung mit großer Neugier angehen. Denn in hochorganisierten Systemen besteht immer die Gefahr, Eigenschaften zu verlieren, die Architektur ebenso braucht: Pragmatismus, Entscheidungsfreude und die Bereitschaft, Chancen zu erkennen, bevor alle Fragen abschließend geklärt sind. Von der albanischen Planungskultur würden wir vermutlich genau diese Haltung lernen. Gleichzeitig würden wir großen Respekt vor den Herausforderungen haben, die ein solches Umfeld für Architektinnen und Architekten mit sich bringt.
Und wenn wir etwas aus unserem Austausch mitnehmen, dann die Erkenntnis, dass die spannendste Perspektive wahrscheinlich zwischen unseren beiden Welten liegt. Die Verlässlichkeit von Prozessen auf der einen Seite, die Dynamik und Offenheit auf der anderen. Vielleicht ist genau diese Kombination das eigentliche Ziel.
Die besten Ideen entstehen oft zwischen den Gegensätzen – zwischen der Verlässlichkeit von Prozessen und der Dynamik und Offenheit des Ungeplanten.
Nach einer Woche in Tirana würden wir uns vermutlich wieder auf etwas mehr Struktur freuen, so wie ihr euch nach einer Woche in Berlin vielleicht ein wenig nach mehr Tempo sehnen würdet. Die besten Ideen entstehen oft zwischen den Gegensätzen. Insofern bleibt eigentlich nur eine Frage: Wann probieren wir es aus?
Schlusswort
Ein kurzes Statement beider Büros: Was kann die Architektur in Deutschland von Albanien lernen und was kann Albanien von Deutschland lernen?
CSS: Was Deutschland von Albanien übernehmen könnte, ist der Wert einer Fallstudie. Wir arbeiten mit weitaus weniger Vorschriften und mit viel mehr Freiheit als ein deutsches Büro; die letzten Jahre hier waren ein Live-Experiment, das gezeigt hat, welche Ergebnisse ein solches Vorgehen hervorbringt. Es lohnt sich, dies von außen zu betrachten – und sei es nur, um der Frage nachzugehen, was geschieht, wenn Qualität auf dem Mut und dem Urteilsvermögen einzelner Fachleute beruht und auf dem Vertrauen darauf, dass bestimmte Personen Dinge auf eine bestimmte Weise angehen. Es mag sich durchaus herausstellen, dass dies für eine Kultur wie die deutsche nicht das richtige Modell ist; es wäre verständlich, wenn das dortige System sich entschied, die mühsam errichteten Rahmenbedingungen nicht infrage zu stellen. Dennoch lohnt es sich, der Frage nachzugehen, wie sehr das System von etwas mehr Freiheit profitieren könnte: Ist dies etwas, das ein ausgereiftes System benötigt, oder etwas, auf das man zu Recht verzichtet?

Fiona Mali Eduart Pagria

Jurtin HajroEduart Pagria
Deutschland könnte von Albanien lernen, was mehr Freiheit und Vertrauen in die Urteilskraft von Fachleuten bewirken können. Albanien wiederum kann von Deutschland lernen, wie verlässliche Prozesse, Qualitätssicherung und eine konsequente Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit zu besseren Ergebnissen führen.
Albanien wiederum kann sehr viel von Deutschland lernen: die Zuverlässigkeit der Prozesse; die Art und Weise, wie Wettbewerbe und Beteiligungsverfahren die Qualität sichern, sodass sie nicht von einzelnen Personen abhängt; die handwerkliche Tiefe und das Vertrauen darauf, dass ein gezeichnetes Detail auch tatsächlich so gebaut wird; und vor allem die Geduld, die Grundlagen eines Projekts von Anfang an richtig zu gestalten. Zudem behandelt Deutschland Nachhaltigkeit als echte Disziplin und nicht bloß als Label – genau das brauchen wir jetzt. Unser bislang bestes in Albanien realisiertes Projekt ist zweifellos die bereits erwähnte „Angela-Merkel-Schule“: ein von der KfW finanziertes Vorhaben, das in Zusammenarbeit mit deutschen Partnern umgesetzt wurde. Diese begleiteten und prüften jeden Schritt und investierten die nötige Zeit und die erforderlichen Ressourcen, um das angestrebte Ergebnis zu erzielen. Dieses Beispiel spricht für sich, und wir möchten auch in Zukunft so viel wie möglich von Deutschland lernen.

Angela Merkel School Besart Cani

Angela Merkel School Besart Cani

Xaver EggerHelin Bereket
sehw: Albanien kann Deutschland daran erinnern, welchen Wert Vertrauen, Pragmatismus und Mut im Planungsprozess haben. Nicht jede gute Entscheidung lässt sich vollständig regulieren, und nicht jede Innovation entsteht innerhalb eines fest definierten Rahmens. Die Offenheit, Verantwortung stärker einzelnen Akteuren zu übertragen und Chancen auch unter Unsicherheit zu ergreifen, ist eine Qualität, die in Deutschland manchmal verloren zu gehen droht.
Deutschland wiederum zeigt, wie Qualität dauerhaft gesichert werden kann, ohne allein von engagierten Einzelpersonen abhängig zu sein. Wettbewerbe, Beteiligungsverfahren, verlässliche Prozesse und die konsequente Umsetzung von Nachhaltigkeits- und Qualitätsstandards schaffen ein Fundament, auf dem gute Architektur entstehen kann. Die Stärke liegt dabei nicht im Regelwerk selbst, sondern im Vertrauen, dass ein guter Entwurf auch als gutes Gebäude Realität wird.


Albanien erinnert uns an den Wert von Vertrauen, Pragmatismus und Mut im Planungsprozess. Deutschland zeigt, wie Qualität durch verlässliche Prozesse und Standards dauerhaft gesichert werden kann. Die spannendste Perspektive entsteht dort, wo sich beides verbindet: deutsche Verlässlichkeit und albanische Agilität.
Vielleicht liegt die Zukunft aber weder im einen noch im anderen Modell. Die spannendste Perspektive entsteht dort, wo sich beide Kulturen begegnen: deutsche Verlässlichkeit und albanische Agilität, strukturierte Prozesse und unternehmerischer Mut, langfristige Qualitätssicherung und die Offenheit für Experimente. Gute Architektur braucht beides: Kopf und Bauch. Und genau deshalb war dieser Austausch für uns so bereichernd. Vielen Dank dafür!















