
Benjamin Hossbach, [phase eins].Christine Fenzl
Architekturwettbewerbe sind in Albanien bislang kein flächendeckend etabliertes Instrument – doch insbesondere bei ambitionierten öffentlichen und privaten Projekten gewinnen sie an Bedeutung. Internationale Verfahren und die Beteiligung ausländischer Büros setzen dabei neue Impulse für die Bau- und Planungskultur des Landes. Noch ist diese Entwicklung stark von einzelnen Pilotprojekten und engagierten Auftraggebern geprägt. Doch gerade in ihrem Windschatten entstehen Erfahrungen und Strukturen, die langfristig zu einer stärkeren Wettbewerbskultur beitragen können.
Welche Rolle spielen Architekturwettbewerbe in Albanien? Wie sind die Verfahren organisiert, welche Anforderungen stellen albanische Auftraggeber an internationale Planungsteams und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren? Benjamin Hossbach, [phase eins]., hat bereits Wettbewerbe in Albanien begleitet und kann aus erster Hand über die Besonderheiten des Marktes und die Erfahrungen internationaler Büros berichten.
NAXNAX Netzwerk Architekturexport: Lieber Herr Hossbach, Sie haben einen Wettbewerb in Albanien betreut. Was war das Thema und um was für ein Verfahren hat es sich gehandelt und was war im Vergleich zu Wettbewerben in Deutschland oder anderen Ländern anders?
Hossbach: Gegenstand des Wettbewerbs war das neue Jüdisch-Albanische Museum. In Vlorë, ein Küstenort mit ca. 100.000 Einwohnern, soll die besondere Geschichte des Judentums in Albanien präsentiert werden. In den vergangenen Jahren ist die Altstadt von Vlorë großenteils saniert worden. Ein Stadthaus im Zentrum der Altstadt soll für das Museum ausgebaut und erweitert werden. Es liegt an einem kleinen Platz, unweit dem ehemaligen Standort einer Synagoge.
Träger des Projekts und unsere Ausloberin war die Albanian-American Development Foundation (AADF); das Verfahren wurde in enger Abstimmung mit dem Kulturministerium durchgeführt. Als private Stiftung ist die AADF nicht an öffentliches Vergaberecht gebunden, hat allerdings interne Rechenschaftspflichten insbesondere gegenüber der Diaspora und einen Qualitätsanspruch. Das Kulturministerium hat diesen Anspruch und das Projekt wohlwollend gestützt. Vor diesem Hintergrund wurde der Wettbewerb zur Auswahl des Architekten gewählt und es bestand der Wunsch, internationale Standards zu erfüllen.
Insofern gab es im Verfahren wenig Unterschiede zu Einladungswettbewerben im Auftrag ambitionierter Ausloberinnen in Deutschland. Da in diesem Fall weder die UIAUIA Union Internationale des Architectes International Union of Architects noch eine lokale Architektenkammer mitgewirkt hat, hatten wir die Verantwortung für die Umsetzung internationaler Prinzipien bei Beurteilungskriterien, Zusammensetzung der Jury, Berechnung der Preissumme, geforderten Leistungen, Wahrung der Anonymität etc.
Dieses gelang sehr gut und die Gewinner (Kimmel Eshkolot Architects, Tel Aviv) wurden anschließend mit der weiteren Planung beauftragt. Hier war wichtig, dass wir von Beginn an den finanziellen Rahmen des Auftrags und die Notwendigkeit der Hinzuziehung eines lokalen Partnerbüros transparent gemacht hatten, so dass nach dem Wettbewerb keine Überraschungen auftraten. Die Teilnehmenden wurden aus einer Long List gewählt, bei deren Zusammenstellung unsere Beratung gern angenommen wurde. So waren drei der fünf Teams mittelgroße Büros aus Deutschland und Österreich.
NAX: Was hat Sie bei diesen Verfahren im Vergleich zu Wettbewerben in Deutschland oder anderen Ländern überrascht?
Hossbach: Wohltuend waren der grundlegende Respekt gegenüber den Architekten und das Vertrauen in unsere Beratung sowie die Offenheit und der Mut gegenüber zeitgenössischer Architektur und einem angemessenen Umgang mit dem denkmalgeschützten Bestandsgebäude.
NAX: Wie würden Sie die Wettbewerbskultur in Albanien beschreiben? Welche Rolle spielen Architekturwettbewerbe bei der Vergabe größerer Projekte?
Hossbach: Unser Einblick ist sicher nicht repräsentativ. Jede Ausloberin ist auch in Albanien anders und die AADF hat ihre eigene Haltung. Ihr ist sicher die allgemein große Neugier auf Neues eigen. So war unser Wettbewerb nicht der einzige der AADF – beim folgenden Wettbewerb hat man sich für Malcolm Reading als Wettbewerbsmanager entschieden, um die Vielfalt der Optionen kennenzulernen. Bei diesem zweiten Wettbewerb hatte man auch den Mut einer offenen Ausschreibung eines Teilnahmewettbewerbs. Insofern kann man sicher sagen, dass diese Wettbewerbe, wie auch die staatlich initiierten Projekte, Teil einer Entwicklung sind, die nicht abgeschlossen ist. Getragen wird sie von einem bei uns leider seltenen Verständnis für die Architektur als Identität stiftende Pioniertätigkeit. Sicher ist manches an den großen Projekten in Tirana verwandt mit den top-down-Projekten die wir aus den Emiraten, China und Mittelasien kennen. Der kleinere Maßstab Albaniens und die geringere Exponiertheit in der weltweiten Wahrnehmung helfen den Projekten in Albanien aber scheinbar, den menschlichen Bezug zu bewahren.
NAX: Welche Auftraggeber schreiben in Albanien Wettbewerbe aus – öffentliche Institutionen, private Investoren oder internationale Projektentwickler?
Hossbach: Primär sind es momentan sicher noch öffentliche initiierte Projekte. Die „Initiative“ beinhaltet aber auch Projekte lokaler Entwickler, bei denen die öffentliche Hand die Bedingung der Ausschreibung eines Wettbewerbs setzt – eine in Deutschland ebenso übliche Praxis. Auch hier wirkt sich die vom Präsidenten Edi Rama geförderte Offenheit für progressive, internationale Architektur positiv aus. Bei aller berechtigten Kritik am Zustandekommen der Kandidatenlisten für die renommierten Projekte, wo häufig eher die bekannten internationalen Namen gesetzt werden, muss man dem Land die Chance geben, im Windschatten dieser Pilotprojekte seine Bau- und Planungskultur zu entwickeln.
NAX: Welche Arten von Projekten werden derzeit besonders häufig international ausgeschrieben?
Hossbach: Die Anzahl ist noch überschaubar und betrifft vor allem Großprojekte. Aber nicht nur die Verfahren der AADF zeigen, dass es auch kleine Projekte sind – deren anderer Wettbewerb war ein Besuchszentrum in einem Nationalpark.
NAX: Wie gut sind die Verfahren für ausländische Architekturbüros zugänglich?
Hossbach: International offen werden sicher nur die wenigsten Projekte ausgeschrieben. Aber die Haltung ist dennoch offen, so dass das Akquirieren vor Ort Chancen hat. Wie überall gehören aber eine Portion Beharrlichkeit, Mut, Zufall und Glück zum Erfolg.
NAX: Gibt es formale oder praktische Hürden für die Teilnahme?
Hossbach: Für die Erstellung eines Bauantrags ist, wie quasi überall, die entsprechende Antragsberechtigung erforderlich, weshalb die Zusammenarbeit mit lokalen Büros üblich ist. Das ist auch bei der Detailplanung hilfreich, um lokale Codes umzusetzen und Honorar- und Reisekosten zu sparen.
NAX: Welche Bedeutung haben lokale Partner für deutsche Büros, die an einem Wettbewerb in Albanien teilnehmen möchten? Wie wichtig sind Referenzen auf dem albanischen Markt? Haben auch kleinere oder bislang in Albanien nicht tätige deutsche Büros realistische Chancen?
Hossbach: Für kleinere und mittelgroße Büros wird es hilfreich sein, sich unabhängig von einem konkreten Wettbewerb, einen lokalen Partner zu suchen. So wird man besser über potentielle Verfahren informiert und hat durch die Kombination von lokaler Expertise und der gern gesehenen internationalen Dimension eher die Chance zur Einladung.
NAX: Vielen Dank, lieber Herr Hossbach, und weiterhin viel Erfolg!
![© [phase eins]. | Bauplatz in Vlorë, Albanien](https://nax.bak.de/wp-content/uploads/sites/3/2026/09/AJM_Site_photo_001-300x300.jpg)
![© [phase eins]. | Visualisierung der Wettbewerbsaufgabe](https://nax.bak.de/wp-content/uploads/sites/3/2026/09/AJM_ASL_Task_Collage-300x300.jpg)
